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Interview
mit den Fliehenden Stürmen:
Vor dem FLIEHENDE STÜRME-Konzert
im Rahmen der Dancefloor Tragedy am 15.6.2001 interviewte NeuRose
(N) Stürme-Mastermind Andreas Löhr (L) auf einer verwanzten
Couch im EKH-Stiegenhaus, aber auch Bassist Andi (A) und Drummer
Stephan (S) kamen mal zu Wort.
N: Ihr habt vor kurzem eure neue CD "Himmel
steht still" veröffentlicht, wie würdet ihr sie beschreiben, eher
wavig wie "Fallen" oder eher punkig wie "Hinter Masken"?
L: Es ist wieder ein typisches Fliehende Stürme-Album geworden,
wie immer mit ruhigen und schnellen Stücken, nicht so ruhig wie
"Fallen". Ich weiß nicht, ob "Hinter Masken" besonders punkig war...
Aber sie ist auf alle Fälle anders und düsterer als "Hinter Masken".
Neu sind z.B. die Streicherensembles auf "Satellit", oder das Klavier
auf dem Titeltrack, ansonsten Gitarren bis zum Abwinken, wie immer.
N:
Ihr habt von neuen Elementen gesprochen, habt ihr - wie schon bei
"Maschinentrauma" oder "Kaleidoskop" - wieder Elektronik verwendet?
Wollt ihr das in Zukunft mehr ausführen oder bleibt es bei ein paar
Liedern?
L: Es wird nicht mehr oder weniger, es wird immer ein Bestandteil
bleiben. Es ist nicht so, daß wir das besonders verstärken wollen,
das geben die Stücke quasi mit. Wir haben keinen Plan, bei keinem
der Lieder, die wir machen.
N:
Von welchen Künstlern seid ihr beeinflußt worden, welche Musik hört
ihr privat?
L:
Vor allem den Kram Anfang der 80er Jahre, angefangen bei Joy Division,
Bauhaus, auch die ganzen Punkbands wie Ruts, Discharge...
A: Die erste Band war Joy Division, die Sisters of Mercy, und bei
mir speziell waren es auch viele Psychobilly-Sachen, und natürlich
viel Punk. S: Killing Joke.
L: Killing Joke habe ich ganz vergessen, die waren auch sehr wichtig.
S: Wipers, und auch neue Sachen sind ganz okay, z.B. Placebo, und
auch die ganze Elektronik ist sehr interessant zum Einbauen in neue
Stücke. Ich denke nicht, daß wir nur am alten Punk-Genre weiterarbeiten,
sondern auch neue Sachen hineinplazieren.
L: Ich fand auch New Order immer gut, von Anfang bis Ende. Sie waren
zeitweise von den Fans verpönt, sie wären nur noch poppig-elektronisch.
New Order waren immer eine Band mit einer extremen Existenzberechtigung,
sie waren immer bereit, etwas vollkommen Neues zu machen. Ich mochte
New Order immer.
N:
Gibt es eine Szene, der ihr euch verbunden fühlt, z.B. Punk oder
Gothic?
L:
Gute Frage, und genau dazu möchte ich sagen: Entweder beiden oder
keiner. Dieser Split zwischen Punk und Gothic ist ziemlich beschissen,
denn gerade Anfang der 80er Jahre, Ende der 70er, als dieses Genre
aufkam, war es die New Wave-Ära, als Punk und Wave zusammen stattgefunden
haben. Du bist in Cafes oder Kneipen gegangen, da hat es die Ruts
gespielt, und danach kam ein Song von Toyah, da war noch nicht diese
Trennung da, wie sie heute stattfindet, und diese Trennung finde
ich eigentlich ziemlich mies, weil der Ursprung doch ein ziemlich
ähnlicher war.
N:
Du hast dein eigenes Label Sturmhöhe (www.sturmhoehe.de, Anm.) gegründet,
was waren die Gründe dafür? Gab es Probleme mit der alten Plattenfirma?
L:
Probleme mit der alten Plattenfirma gab es, die dauern zeitweise
auch noch an und werden nach und nach ausgeräumt, aber darauf will
ich nicht näher eingehen. Der Grund, ein eigenes Label zu gründen
war die größtmögliche Freiheit für sich selbst zu haben. Es ist
oft so, daß man nicht ganz fair von Plattenfirmen behandelt wird.
Darum sind wir den Weg gegangen, daß wir die Fliehenden Stürme auf
einem eigenen Underground-Label publizieren wollen, und anderen
Bands, die es noch nicht geschafft haben, bei einer großen namhaften
Plattenfirma unterzukommen, eine Plattform zu schaffen. Eine eigene
Plattenfirma bedeutet Unabhängigkeit, und wenn wir schon ein bißchen
Kohle machen, dann müßen wir nicht auch noch eine andere Plattenfirma
damit bezahlen.
N:
Was bedeutet der Bandname, und wie seid ihr darauf gekommen?
L:
Ich habe mit 15 Jahren einmal ein Stück geschrieben, das hieß "Fliehende
Stürme". Als wir uns von Chaos Z in Fliehende Stürme umbenannt haben,
war uns davor schon längere Zeit klar, daß wir einen anderen Namen
haben wollen. In dem Lied ging es darum, daß du auf einer Brücke
stehst und ein Unwetter fortziehen siehst. Das beschreibt die Musik
ganz gut, diese treibende Melancholie, die sich wie ein roter Faden
durch unsere Musik zieht, die allerdings teilweise doch auch aggressiv
ist und nach vorne geht. Insofern hatte ich plötzlich den Gedanken,
daß das der Bandname ist. Eingebung...
N:
Du hast gerade von der Melancholie gesprochen, wird es von euch
einmal ein fröhliches Lied geben?
L
(lacht): Haben wir nicht schon was?
A:
Das kommt darauf an wie du es siehst.
L:
Wir haben ein paar Trinklieder, aber da ist auch schon wieder die
Melancholie drin. Ich weiß nicht, in die Fun-Punk-Ecke wollten wir
nie, werden wir nie.
N:
Plant ihr, eure alten Platten wie "Fallen", die teilweise nur noch
schwer erhältlich sind, neu aufzulegen?
L:
Ja, das ist gerade in Planung.
N:
Wie stehst du zu den alten Chaos Z-Veröffentlichungen? Wird es eventuell
wieder eine Chaos Z-Platte geben?
L:
Eine Chaos Z-Platte wird es definitiv nicht mehr geben, das stiftet
nur Verwirrung. Nachdem das "Fallen"-Album auf recht tragische Weise
beendet wurde (Andreas Löhrs Bruder und Stürme-Bassist Thomas starb
während den Aufnahmen an AIDS, Anm.), war es für mich recht wichtig,
sofort weiterzumachen. In Zukunft ist unter dem Namen Chaos Z nichts
mehr geplant. Wir haben jetzt auch einen ganz guten Weg gefunden,
die harten schnellen Sachen und auch die ruhigen langsamen Sachen
zu vereinen, das wollten wir schon immer machen. Nicht nur die eine
Proll-Punk-Schublade oder die Gothic-Schublade, wir wollen das irgendwie
vermischen, auch wenn wir da die Einzigen sind, oder zumindest eine
der ganz wenigen Bands.
N:
Seid ihr zufrieden mit eurem Underground-Status oder wärt ihr lieber
bekannter? Plant ihr eine Single oder ein Video?
L:
Single oder Video planen wir gar nicht, der Hickhack mit den großen
Sendeanstalten, um das auf Rotation zu bringen, es ist also nicht
unser Ziel. So wie es gerade läuft mit den Konzerten - wir freuen
uns auch, einmal in Wien spielen zu können - das ist ganz okay so.
Hello Wien! (lacht) Der zunehmende Bekanntheitsgrad stellt sich
doch Stück für Stück ein, jedes Jahr kommt ein bißchen was dazu,
ein gewisser Schneeballeffekt. Das sind Sachen, die wir überhaupt
nicht kalkulieren, wir denken nicht an Charts oder Videoproduktionen,
und in Läden wie hier zu spielen, ist uns eigentlich am Liebsten.
N:
Ich nehme an, du hast "Himmel steht still" wieder ganz allein eingespielt?
L:
Ja.
N: Planst du in Zukunft wieder eine Bandproduktion?
L:
Ja, ist geplant, wir werden in Zukunft zumindest die nächsten Sachen
zu dritt einspielen.
N:
Willst du noch etwas zum Thema "Texte" hinzufügen?
L:
Ich möchte die Texte die ich schreibe, nicht zerpflücken, ich finde,
sie sind durchaus verständlich, sie sollen auch gefühlsmäßig verstanden
werden, ich finde es auch vollkommen in Ordnung, wenn jemand den
Text auf sich projezieren kann, und denkt, der Text spricht mich
jetzt aus der und der Situation an, ob das jetzt 100% die Situation
ist die ich mir ausgemalt habe, ist vollkommen egal.
N:
Man versteht sie meistens nicht 100%ig, eher gefühlsmäßig.
L:
Es ist manchmal so, wie mit Worten zu malen.
N:
Werdet ihr auch in nächster Zeit eine richtige Tournee machen?
L:
Wir spielen im Moment ziemlich regelmäßig live, da wir auch nebenbei
arbeiten gehen, somit sind Wochenendkonzerte besser für uns.
N:
Ihr könnt also nicht von den "Fliehenden Stürmen" leben?
L:
Nein.
N:
Als Abschlußfrage: Was wird man vom Konzert erwarten können?
L:
Die übliche Mischung, obwohl ich glaube das wir live noch ein bißchen
härter rüberkommen, wir hoffen natürlich, die Intensität auf das
Publikum übertragen zu können.
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